Studienauftrag Gemeindehaus, Ruswil, 2025
SITUATION
Im südwestlichen Dorfkern von Ruswil entstehen, im Rahmen eines Gestaltungsplans, Wohnungen mit gewerblichen Nutzungen. In diesem Planungsgebiet «Dorfkern Südwest» soll ausserdem ein neues Gemeindehaus entstehen. Das Grundstück verjüngt sich nach Osten, entlang der Wolhuserstrasse und bildet seinen Abschluss an der Strassenkreuzung Wohlhuser-, Rosswäschstrasse und Chasteleweg. Hier, auf dem Baubereich A, liegt die Parzelle für das neue Gemeindehaus. Die baurechtliehen Vorgaben aus der Nachbarschaft und aus dem Gestaltungsplan, verkleinern den bebaubaren Raum massgeblich, übrig bleibt eine geometrisch nicht definierbare Fläche. Zusätzlich steht hier das als schützenswert eingestufte Gebäude «alte Farb». Die Lösungen aus der ersten Stufe des Studienauftrages «Gemeindehaus Ruswil» haben gezeigt, dass das schützenswerte Gebäude der alten Farb erhalten bleiben kann, jedoch hier keine Nutzungen aus dem Programm ausgelagert werden können. Im vorliegenden Konzept wird der ursprüngliche Teil, das schützenswerte Wohnhaus von 1800, erhalten und die Werkstatt sowie weiter angefügte spätere Bauten abgebrochen. Neben den Planungsvorgaben ist der Umgang zur Parzelle Nr. 405 im Norden von grosser Bedeutung. Hier soll ein möglichst grosser Grenzabstand eingehalten werden, mindestens der ordentliche Grenzabstand. Besonderes Augenmerk gilt den Aussenräumen zum Chasteleweg, dem Haus Stirnimann auf der Parzelle Nr. 405 sowie dem Gewerbe gegenüber, entlang der Wohlhuserstrasse. Denn der Neubau eines Gemeindehauses erfordert den Einbezug der gesamten Nachbarschaft und die Schaffung eines neuen, qualitativ hochwertigen Aussenraums für die gesamte Bevölkerung.
UMGANG MIT ALTER FARBE
Durch den Rückbau sämtlicher Anbauten wird das ursprüngliche fast quadratische Wohnhaus freigespielt. Mit dem Umbau und der Renovation soll möglichst viel Originalsubstanz erhalten bleiben und die ursprüngliche Einfachheit des Gebäudes wieder ablesbar gemacht werden. Dies wird durch eine neue Infrastrukturschicht an der Westfassade erreicht. Hier befindet sich die Treppenanlage, bei Bedarf eine Liftanlage, die Sanitäranlagen und die Küche. Durch die klare Schichtung entsteht wieder ein Mittelkorridor wie im ursprünglichen Gebäude aus dem frühen 19 Jahrhundert. Dieser Mittelkorridor organisiert die ganze Verteilung und ermöglicht dadurch eine sehr flexible, jederzeit veränderbare Nutzungsaufteilung von der Unterteilung in viele kleine, unabhängig nutzbare Einheiten bis zu einer grossen Einheit für das ganze Haus. Damit das Gebäude statisch und brandschutztechnisch ertüchtigt werden kann, sollen die bestehenden Geschossdecken entsprechend verstärkt werden. Im 1. Obergeschoss mit der meisten Originalsubstanz kann die Raumhöhe aber nicht verändert werden. Das wird erreicht, indem die Decke über dem Sockelgeschoss nach unten und die Decke über dem 1. Obergeschoss nach oben verstärkt werden. Die Raumhöhe des Sockelgeschosses bleibt mit dem Wegfall des Bodenabsatzes genügend gross und mit dem Abbruch der Decke über dem 2. Obergeschoss entsteht im Dachgeschoss ein hoher Raum unter der stützenfreien Dachkonstruktion.
GEMEINDEHAUS UND KONZEPT
Ein Gemeindehaus ist ein Ort des Austausches und Zentrum der Demokratie. Die Parzelle mit der «Alten Farb» und seiner unmittelbaren Umgebung ist geradezu prädestiniert für eine moderne Interpretation eines Gemeindehauses. Im Gefüge mit dem alten Wohnhaus und der Nachbarschaft entstehen, zusammen mit den Neubauten, hervorragende Räume für Begegnungen, Veranstaltungen und Dienstleistungen. Das architektonische Konzept lebt von seinen Gegensätzen - in Volumetrie und Geometrie - und von der Idee der räumlichen Aneignung. Vorgeschlagen wird ein Baukörper, der den Raum entlang der Hauptstrasse, zwischen Baukörper B1 und alter Farb, als ein fünfgeschossiger turmartiger Massivbau besetzt und in die Tiefe des Grundstückes abknickt und als niedriges Volumen den Gemeindeplatz im Osten begrenzt und im Westen als rundes Volumen in den hohen Baukörper eingreift. Mit der Rundung wird ein harmonischer Abschluss der Aussenraumgestaltung im Gestaltungsplan geschaffen. Die Volumetrie und Geometrie des Gemeindehauses schafft das sanfte "Anschmiegen" an die heterogene und sensible Umgebung und gleichzeitig den starken Auftritt zur Hauptstrasse und zu den Neubauten im Gestaltungsplan. Mit einer grossen Eingangsgeste öffnet sich das Haus zum Strassenraum und verortet es im öffentlichen Raum. Am neu geschaffenen «Gmeindsplatz» entsteht ein neues Ensemble aus Bestand und Neubau.
UMGEBUNG UND ERSCHLIESSUNG
Die vorgeschlagene Setzung des Gemeindehauses schafft ein Geviert aus Gassen und Plätzen, Engen und Weiten mit einheitlicher Materialisierung in Kopfsteinpflaster und selbstverständlicher Anbindung an den Bestand. Das neue Gemeindehaus erhält einen angemessenen Auftritt zur Wohlhuserstrasse. In die Tiefe des Grundstücks entsteht zwischen Gemeindehaus, alter Farb und Haus Stirnimann der neue «Gmeindsplatz». Es ist ein baumbestandener Platz mit Flächen in Mergelbelag und mit Treppenstufen, die einerseits die unterschiedlichen Höhen des Terrains aufnehmen können und andererseits niederschwellige Sitzmöglichkeiten im öffentlichen Raum darstellen. Dieser «Gmeindsplatz» dient der Allgemeinheit und bietet verschiedene Nutzungsmöglichkeiten an. Aber auch die Gemeinde kann den Platz für offizielle Festivitäten nutzen. Die geplante Einstellhalle im GP-Dorfkern wird fortgeführt und organisiert im 2.UG 20 Parkplätze der Gemeinde. Die weiteren 5 Parkplätze werden auf der Parzelle Nummer 416 angeboten. Zwei Kurzzeit-Parkplätze entstehen am Übergang des Chasteleweges zur Wolhuserstrasse. Der Vorplatz des Gemeindehauses mit dem Haupteingang wird als Haltezone für Notfalle, Anlieferung, Entsorgung und Feuerwehr genutzt. Der grosszügige Bereich erlaubt ein einfaches Rangieren aller Fahrzeuge. Mit diesem Konzept kann die gesamte restliche Parzelle entmotorisiert ausgeführt werden. Rund um die alte Farb, Gemeindehaus, «Gmeindsplatz» und den neuen Wegverbindungen sind für Fussgänger und Velofahrer ausgelegt. Der Weg hinter der geplanten Parkierung im Baufeld B1 ist ebenfalls entmotorisiert. Der Grünraum im Rund des Gemeindehauses ist eine natürliche Fortführung des Grünkonzeptes im GP-Dorfkern und kann ungestört genutzt werden. Das Konzept erlaubt einen fussläufigen Rundlauf entlang des Gemeindehauses mit attraktiv gestalteten Fusswegen, Grünräumen und Plätzen. Dabei können die alte Farb wie auch das Gemeindehaus über den Vorplatz erschlossen werden wie auch vom «Gmeindsplatz».
In Zusammenarbeit mit
blgp architekten ag, Luzern
Appert Zwahlen Partner AG, Cham
Holzprojekt AG, Luzern







